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Generative Architecture

Theoretische Uberangunen Gegründet auf praktische Erfahrungen
Sophia and Thomas Michael

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Generativ/Iterativ

"Zeit ist, daß Sein sich ereignet"

Gadamer

Alles Existierende ist in Bewegung, verändert sich - und strebt, seine eigene Seinsweise auszuformulieren. Auch ein Gebäude ist nicht plötzlich da und unveränderlich. Es entsteht und entwickelt sich, paßt sich verschiedenen Anforderungen an, altert, erneuert sich, verändert sich in der Zeit oder vergeht mit der Zeit. Ein Gebäude, das sich entsprechend den Gegebenheiten neu hervor­bringt, hat weitaus mehr Bestand als ein Gebäude, das zeitab­weisend auf sich beharrt. Architektur, die versucht, Zeit zu igno­rieren, gibt sich dem Verfall preis. Architektur, die Veränderung und Entwicklung einbezieht, hat ihre Wirkung im Wandel der Zeit. Eine iterative Entwurfsmethode nimmt die Wandelbarkeit in die Planung auf. Durch aufgabenspezifische Entwurfsentscheidungen in detaillierten Schritten wird die Lösung im Hinblick auf die veränderlichen und verändernden Einflußfaktoren offen gestaltet. Die architektonischen, funktionalen und fachlichen Anforderungen an das Projekt werden jeweils unter schrittweiser Abwägung der architekturrelevanten Faktoren und Projektrisiken in die jeweils bestmöglichen Lösungen übersetzt. So werden eventuelle Schwachstellen in Funktion und Gestaltung rechtzeitig korrigiert.

Integrativ/Kontextual

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ln der Softwareentwicklung wird "Architektur" als "Organisationsform der einzelnen Komponenten" verstanden, als eine gestaltete Systemstruktur. Die Architektur vereint demnach die schrittweise gefundenen Lösungen in einer integralen Oesamtlösung, wobei sie in ihrer ganzheitlichen Qualität über eine rein additive Zusammenfügung hinausgeht. Unter Architekten herrscht die Meinung vor, wichtig für die Qualität eines Gebäudes sei die schlüssige Umsetzung eines klaren Leitgedankens, der als intelektuelle Herausforderung unter dem Kriterium der Aktualität, der Neuartigkeit und Originalität im Vergleich zu bereits bestehenden Gebäuden, bewertet wird. Die Qualität eines Bauwerkes ist aber in ihm selbst zu suchen. Als eine ganzheitliche architektonische Lösung ist das Bauwerk eigen­ständig und auf sich selbst bezogen. Als solche Entität befindet es sich in einem Zusammenhang, auf den es ebenso direkt wie indirekt Bezug nimmt und von dem es auch beeinflußt wird, dem Kontext der Umgebung. Eine in den Kontext integrierte Architektur, sei es in Anlehnung, Aufgreifung oder Abgrenzung, erweitert und ergänzt ihre Umgebung und trägt zu einem gewachsenen Gefüge bei.

Interaktiv/Kommunikativ

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Bereits während des Entstehungsprozesses kommt es zu Wechselbeziehungen zwischen Aufgabenstellung, Entwurf, Einflußfaktoren und Umsetzung. Ist für den Entwurf die Aufgabenstellung ausschlaggebend, so kann sich diese durch Vorschläge oder faktische Gegebenheiten abwandeln und wiederum auf den Bauprozeß auswirken. Eine weitere Ebene der Interaktion findet sich zwischen dem Bauwerk und seinen Nutzern. Ähnlich einem Kunstwerk, das in seiner Betrachtung zur Vollendung kommt, entfaltet auch das Bauwerk seine Wirkung erst in der Aneignung durch seine Nutzer. Reine Diskursarchitektur verschließt sich oftmals genau den Menschen, die eigentlich mit dem Bauwerk umgehen, und erzeugt so Distanz, zwischen Architekten und "Laien", aber auch zwischen dem Nutzer und dessen Befindlichkeit. Architektur, die nicht für Personen gebaut ist, ruft Entfremdung und Gleichgültigkeit hervor.
Communicare heißt zuerst “gemeinsam machen”. Eine kommunika­tive Architektur öffnet sich den Personen, teilt sich mit und läßt teilhaben. Damit bietet sie Identifikationsmöglichkeiten. Je größer der persönliche Kontakt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß neue Ideen angenommen und vielleicht verstanden werden.

Individuell/Innovativ

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Lange Zeit gab es in der Architektur Standardformen und Standardgrundrisse, die einen Zusammenhang herstellten zwischen Klasse, Familie, Geschlechterrolle und architektonischer Typologie. Inwieweit heute eine Individualisierung stattgefunden hat, bleibt fraglich. Jedenfalls gibt es ein Streben nach individuellen Lebensformen und entsprechendem architektonischen Ausdruck. Ausschlaggebend sind die Vorstellungen und Bedürfnisse der Personen, die das Bauwerk letztendlich nutzen, verbunden mit den Ideen und Kenntnissen der Personen, die das Bauwerk entwerfen. Schwierig wird es, wenn die einen über ein sehr begrenztes Vorstellungsvermögen des bereits Bekannten verfügen, die anderen aber über eine nicht realisierbare Phantasie. Wenn ausschließlich jene zu Wort kommen, entsteht nichts Neues, wenn diese das alleinige Sagen haben, laufen sie Gefahr, abzuheben. Durch einen innovativen Umgang mit konkreten Gegebenheiten, wie zum Beispiel dem genius loci, der Besonderheit des Ortes, und den individuellen Anforderungen an das Gebäude läßt sich bloßes Kopieren vermeiden, ohne jeden Bezug zu verlieren, und findet sich die Waage zwischen unbehelligter Akzeptanz und individu­eller Ausdrucksform, zwischen Eintönigkeit und Übertreibung.

Sinnlich/Intuitiv

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Architektur spricht unmittelbar die Sinne an und weckt bei den Beteiligten jeweils Wohlbefinden, Unbehagen, Vertrautheit, Neugier, Interesse, Ablehnung, Gefallen usw., stets sinnlich, aus-gelöst über die Sinneswahrnehmung, und zwar aller Sinne, entge­gen der verbreiteten Ansicht, Architektur wirke rein visuell. Durch die bewährte Hochglanz-Präsentation der Architektur wird schnell der Eindruck erweckt, es handele sich bei Gebäuden um visuelle Objekte. Dabei wird übersehen, daß sich der ganze Mensch mit all seinen Sinnen in den Bauwerken befindet, als Person mit eigenen Empfindungen. Insgesamt werden Gefühle in unserer westlichen Welt gerne zurückgehalten, aber sinnlichere Bauwerke könnten sicherlich dazu beitragen, daß unsere Gefühlswelt den­noch an Vielschichtigkeit und Tiefe gewinnt, und wir vielleicht etwas weniger verschlossen und konventioniert um uns blicken. Sinn und Verstand bedingen sich wechselseitig, ohne sinnliche Wahrnehmung gibt es keine Verstandestätigkeit und ohne Verstand kein sinnliches Erfassen. In unserer kopfgesteuerten Art trennen wir beides gerne voneinander. Aber gerade in der Architektur sind oft die intuitiven Entscheidungen die richtigen, und führen zu technisch und menschlich guten Lösungen.

Funktional/Ästhetisch

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Zu den wesentlichen Aspekten eines Bauwerkes gehört seine Nutzbarkeit. Einem Gebäude kommen bestimmte Aufgaben zu. Je nach Nutzung muß es bestimmte formale Kriterien erfüllen, wie Größe, Lage, Orientierung, Anzahl und Anordnung der Räume, Technik- und Nebenräume, Verkehrflächen und Zuwege. Und je nach Nutzung muß es den qualitativen Anforderungen genügetun, wie Geräumigkeit oder Gemütlichkeit, Offenheit oder Rückzug, Prestige oder Idyll, Flair oder Schlichtheit usw. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Ästhetik eines Bauwerkes. Die Architektur trägt mit ihren Ausdrucksformen entscheidend zum kulturellen und auch sozialen Gesicht einer Gesellschaft bei. Ohne architektonische Schönheit fehlte ein Stück Lebensqualität. Aufgabe und Gestaltung sind in der Architektur eng verflochten. Ein Bauwerk, das nur seine Funktionen erfüllt, ohne Rücksicht auf seine Ästhetik, ist unattraktiv und steril, ein Bauwerk, das seine Funktionen nicht erfüllt, kann noch so schön sein, es ist als Gebäude fehl am Platze. Dabei sind die ästhetischen Momente keine Applikationen, sie sind den Funktionen nicht als Zusatz hinzugefügt. Vielmehr sind das Funktionale und das Ästhetische im Bauwerk synergetisch verbunden.

Ideell/Materiell

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Über Architektur läßt sich auf verschiedenen Ebenen nachdenken. Welche Möglichkeiten hat die Architektur, welche Aufgaben soll sie erfüllen. Soll sie der Zeit voraus sein oder in der Zeit Halt geben. Welche Formen und Materialien sind zeitgemäß. Wie sieht die Stadt von morgen aus, wie Wohnen und Arbeiten heute. Brauchen wir Menschen feste Formen, um uns sicher zu fühlen, oder brauchen wir mehr Flexibilität, um uns weiterzuentwickeln. So hoch die ideellen Ansprüche an Architektur sind, Architektur muß sich immer an der Realität messen. Gebaute Architektur ist immer an konkrete Rahmenbedingungen gebunden. Sie unterliegt zunächst den bauphysikalischen und bautechnischen Gesetzen. Und es gibt immer eine Auftraggeberseite, die die Parameter Budget und Bauzeit bestimmt und ihre eigenen Anforderungen stellt, und auf der anderen Seite die ausführenden Gewerke. Aufgabe der Architekten ist es, die ideellen Überlegungen und die materiellen Faktoren zusammenzubringen, Ideen zu realisieren, und zwischen den Interessen der Beiteiligten zu vermitteln. So gut die Lösung entwurflich auch ist, sie muß sich bewähren. Erst wenn das Bauwerk faktisch den Anforderungen entspricht und Budget und Zeitlimit eingehalten sind, ist die Aufgabe gut gelöst.

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